Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn‘s ihr wohlgeht, so geht‘s auch euch wohl. Jeremia 29, 7   Dieser   Aufruf   erreicht   Menschen   inmitten   einer   sehr   herausfordernden   und   leidvollen   Lebens-situation. „Suchet   der   Stadt   Bestes!“   Das   ist   eine   Aufgabe,   die   genau   diese   Menschen   in   ihrer   eigenen   Stadt,   in Jerusalem,    gerne    und    gut    erfüllen    konnten.    Dort    hatten    sie    die    wichtigen    Positionen    besetzt, Verantwortung   übernommen,   Menschen   geführt,   die   Stadt   aufgebaut,   ihre   Kompetenzen   eingebracht, Karriere   gemacht.   Und   jetzt   sitzen   sie   mit   dem   König   und   seiner   Mutter,   einigen   Ältesten,   Priestern   und Propheten,   mit   der   Jerusalemer   Führungsschicht   und   den   Menschen,   die   zum Aufbau   einer   Stadt   wichtig sind,    der    Stadtverwaltung,    den    Finanzfachleuten,    Schmiedemeistern    und    Zimmerleuten,    hier    in    der Fremde.   Nun   leben   sie   in   Babylonien   mitten   unter   ihren   Feinden;   besiegt   und   weggeführt,   ohnmächtig und   handlungsunfähig.   Sie   schauen   zurück   und   trauern,   und   sie   fragen   sich:   Wie   lange   noch?   Wann können   wir   wieder   zurückkehren?   Wann   ist   das   hier   endlich   vorüber?   Hoffentlich   schon   bald?   Einige sagen    es    so:    Ja,    schon    bald    wird    Gott    euch    aus    dieser    Situation    herausführen.    Er    wird    Euch zurückbringen. Anders   Jeremia.   Er   macht   keine   falschen   Versprechungen.   Er   sagt,   was   wahr   ist   und   weh tut,   aber   er   eröffnet   auch   neue   Perspektiven.   So   schnell   wird   diese   Situation   nicht   enden,   macht   er deutlich.   Wer   etwas   anderes   behauptet,   der   lügt.   Es   wird   kein   schnelles   Ende   geben,   keine   baldige Rückkehr.   Richtet   euch   ein,   baut   Häuser,   legt   Gärten   an,   bekommt   Kinder,   bringt   euch   ein   mit   euren Kompetenzen,   hier   in   dieser   Stadt.   Es   wird   lange   dauern,   mehrere   Generationen   werden   hier   leben. Nach   70   Jahren   erst   werdet   ihr   nach   Jerusalem   zurückkehren.   Das   sind   keine   gefälligen   Worte.   Das   wäre Grund   genug   zu   Resignation   und   Rückzug. Aber   Jeremia   eröffnet   eine   Perspektive   der   Hoffnung:   Die   Zeit in   Babylonien   wird   keine   verlorene   Zeit.   Gott   ist   die   Situation   nicht   entglitten. Auch   wenn   das   Volk   besiegt ist   und   ins   Exil   geführt   wurde,   Gott   ist   nicht   besiegt.   Er   ist   der   Handelnde.   „Suchet   der   Stadt   Bestes, dahin   ich   euch   habe   wegführen   lassen...“Jeremia   führt   dem   Volk   die   guten   Gedanken   und   Absichten Gottes   vor   Augen:   „Denn   ich   weiß   wohl,   was   ich   für   Gedanken   über   euch   habe,   spricht   der   Herr: Gedanken   des   Friedens   und   nicht   des   Leides,   dass   ich   euch   gebe   Zukunft   und   Hoffnung.“   Und   er   fordert zu   einem   Handeln   in   dieser   Perspektive   der   Hoffnung   auf.   In   Krisenzeiten   geht   der   Blick   oft   zurück   und   es wird   nach   der   Ursache   gefragt.   Oder   der   Blick   geht   weit   nach   vorn   und   es   scheint,   dass   ein   neues Engagement   erst   wieder   möglich   ist,   wenn   die   schwierige   Zeit   der   Krise   vorüber   ist.   In   der   Perspektive der   Hoffnung,   dass   Gott   die   Situation   in   seinen   Händen   hält   und   dass   er   eine   Zukunft   zusagt,   ist   ein Handeln   im   Hier   und   Jetzt   möglich.   Baut   Häuser,   legt   Gärten   an,   bekommt   Kinder,   sorgt   dafür,   dass   das Leben   weitergeht   und   macht   es   hier,   in   dieser   Stadt,   bringt   euch   hier   mit   euren   Kompetenzen   ein.   Das Leben   wird   in   der   Krise   gestaltet,   nicht   erst   danach.   Und   Schritt   für   Schritt   kann   so   neues   Vertrauen wachsen.    Und    Schritt    für    Schritt    wächst    ein    neues    Gottesverständnis    mit.    Das    ist    die    eigentliche Herausforderung:   Wie   ist   Gott   in   dieser   Krise   neu   zu   verstehen?   Hat   er   uns   verlassen?   Ist   auch   er   durch einen   Feind   besiegt   können   wir   das   verstehen?   Diese   Fragen   bewegen   die   Menschen   im   Exil   und   sie kommen   zu   gültigen   Antworten:   Gott   ist   Schöpfer   und   Herrscher   der   ganzen   Welt   und   nicht   nur   eines Volkes.   Wenn   das   Volk   besiegt   ist,   ist   es   Gott   noch   lange   nicht.   Er   hält   das   Leben   und   die   Geschichte   und die   Zukunft   in   seiner   Hand.   Er   ist   der   eigentlich   Handelnde   und   wir   können   ihm   vertrauen.   Es   gilt,   das Leben in der Tiefe zu verstehen und theologisch zu durchdringen. Einfache Antworten   greifen   zu   kurz   und   entpuppen   sich   als   Lüge.   Im   Exil,   in   der   Krise   entsteht   eine   neue Weltsicht,   ein   neues,   tieferes   Gottesverständnis,   eine   neue   Theologie.   Das   ist   das,   was   uns   angesichts der   Herausforderungen   unserer   Zeit   nur   zu   wünschen   ist.   Welche   Theologie   brauchen   wir   heute?   Eine der    schnellen    Antworten    oder    eine,    die    uns    trotz    einer    Lebenssituation,    die    von    Ohnmacht    und Hilflosigkeit   bestimmt   ist   und Angst   und   Lähmung   auslöst,   zum   Handeln   in   der   Perspektive   der   Hoffnung auffordert?   Autor: Prof. Dr. Andrea Klimt
112 Jahre Leben finden - Gemeinschaft erfahren
Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn‘s ihr wohlgeht, so geht‘s auch euch wohl. Jeremia 29, 7   Dieser   Aufruf   erreicht   Menschen   inmitten   einer   sehr   herausfordernden und   leidvollen   Lebens-situation.   „Suchet   der   Stadt   Bestes!“   Das   ist   eine Aufgabe,    die    genau    diese    Menschen    in    ihrer    eigenen    Stadt,    in Jerusalem,   gerne   und   gut   erfüllen   konnten.   Dort   hatten   sie   die   wichtigen Positionen   besetzt,   Verantwortung   übernommen,   Menschen   geführt,   die Stadt   aufgebaut,   ihre   Kompetenzen   eingebracht,   Karriere   gemacht.   Und jetzt    sitzen    sie    mit    dem    König    und    seiner    Mutter,    einigen    Ältesten, Priestern   und   Propheten,   mit   der   Jerusalemer   Führungsschicht   und   den Menschen,      die      zum      Aufbau      einer      Stadt      wichtig      sind,      der Stadtverwaltung,      den      Finanzfachleuten,      Schmiedemeistern      und Zimmerleuten,   hier   in   der   Fremde.   Nun   leben   sie   in   Babylonien   mitten unter     ihren     Feinden;     besiegt     und     weggeführt,     ohnmächtig     und handlungsunfähig.   Sie   schauen   zurück   und   trauern,   und   sie   fragen   sich: Wie   lange   noch?   Wann   können   wir   wieder   zurückkehren?   Wann   ist   das hier   endlich   vorüber?   Hoffentlich   schon   bald?   Einige   sagen   es   so:   Ja, schon   bald   wird   Gott   euch   aus   dieser   Situation   herausführen.   Er   wird Euch     zurückbringen.     Anders     Jeremia.     Er     macht     keine     falschen Versprechungen.   Er   sagt,   was   wahr   ist   und   weh   tut,   aber   er   eröffnet auch   neue   Perspektiven.   So   schnell   wird   diese   Situation   nicht   enden, macht   er   deutlich.   Wer   etwas   anderes   behauptet,   der   lügt.   Es   wird   kein schnelles   Ende   geben,   keine   baldige   Rückkehr.   Richtet   euch   ein,   baut Häuser,    legt    Gärten    an,    bekommt    Kinder,    bringt    euch    ein    mit    euren Kompetenzen,    hier    in    dieser    Stadt.    Es    wird    lange    dauern,    mehrere Generationen   werden   hier   leben.   Nach   70   Jahren   erst   werdet   ihr   nach Jerusalem   zurückkehren.   Das   sind   keine   gefälligen   Worte.   Das   wäre Grund   genug   zu   Resignation   und   Rückzug.   Aber   Jeremia   eröffnet   eine Perspektive   der   Hoffnung:   Die   Zeit   in   Babylonien   wird   keine   verlorene Zeit.   Gott   ist   die   Situation   nicht   entglitten. Auch   wenn   das   Volk   besiegt   ist und   ins   Exil   geführt   wurde,   Gott   ist   nicht   besiegt.   Er   ist   der   Handelnde. „Suchet     der     Stadt     Bestes,     dahin     ich     euch     habe     wegführen lassen...“Jeremia   führt   dem   Volk   die   guten   Gedanken   und   Absichten Gottes   vor   Augen:   „Denn   ich   weiß   wohl,   was   ich   für   Gedanken   über euch   habe,   spricht   der   Herr:   Gedanken   des   Friedens   und   nicht   des Leides,   dass   ich   euch   gebe   Zukunft   und   Hoffnung.“   Und   er   fordert   zu einem   Handeln   in   dieser   Perspektive   der   Hoffnung   auf.   In   Krisenzeiten geht   der   Blick   oft   zurück   und   es   wird   nach   der   Ursache   gefragt.   Oder   der Blick   geht   weit   nach   vorn   und   es   scheint,   dass   ein   neues   Engagement erst   wieder   möglich   ist,   wenn   die   schwierige   Zeit   der   Krise   vorüber   ist.   In der   Perspektive   der   Hoffnung,   dass   Gott   die   Situation   in   seinen   Händen hält   und   dass   er   eine   Zukunft   zusagt,   ist   ein   Handeln   im   Hier   und   Jetzt möglich.   Baut   Häuser,   legt   Gärten   an,   bekommt   Kinder,   sorgt   dafür,   dass das   Leben   weitergeht   und   macht   es   hier,   in   dieser   Stadt,   bringt   euch   hier mit   euren   Kompetenzen   ein.   Das   Leben   wird   in   der   Krise   gestaltet,   nicht erst   danach.   Und   Schritt   für   Schritt   kann   so   neues   Vertrauen   wachsen. Und   Schritt   für   Schritt   wächst   ein   neues   Gottesverständnis   mit.   Das   ist die   eigentliche   Herausforderung:   Wie   ist   Gott   in   dieser   Krise   neu   zu verstehen?   Hat   er   uns   verlassen?   Ist   auch   er   durch   einen   Feind   besiegt können   wir   das   verstehen?   Diese   Fragen   bewegen   die   Menschen   im Exil    und    sie    kommen    zu    gültigen   Antworten:    Gott    ist    Schöpfer    und Herrscher   der   ganzen   Welt   und   nicht   nur   eines   Volkes.   Wenn   das   Volk besiegt   ist,   ist   es   Gott   noch   lange   nicht.   Er   hält   das   Leben   und   die Geschichte    und    die    Zukunft    in    seiner    Hand.    Er    ist    der    eigentlich Handelnde   und   wir   können   ihm   vertrauen.   Es   gilt,   das   Leben   in   der Tiefe zu verstehen und theologisch zu durchdringen. Einfache   Antworten   greifen   zu   kurz   und   entpuppen   sich   als   Lüge.   Im Exil,    in    der    Krise    entsteht    eine    neue    Weltsicht,    ein    neues,    tieferes Gottesverständnis,     eine     neue     Theologie.     Das     ist     das,     was     uns angesichts   der   Herausforderungen   unserer   Zeit   nur   zu   wünschen   ist. Welche   Theologie   brauchen   wir   heute?   Eine   der   schnellen   Antworten oder   eine,   die   uns   trotz   einer   Lebenssituation,   die   von   Ohnmacht   und Hilflosigkeit   bestimmt   ist   und   Angst   und   Lähmung   auslöst,   zum   Handeln in der Perspektive der Hoffnung auffordert?   Autor: Prof. Dr. Andrea Klimt
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