Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.  (Psalm 38, 10)  Dieses   Stoßgebet   könnte   auch   von   Hiob   stammen.   Psalm   38   nämlich,   in   den   dieser   Satz   eingebettet   ist,   nennt sämtliche   körperlichen   und   seelischen   Leiden,   die   man   sich   vorstellen   kann:   Von   eiternden   Wunden   ist   die   Rede (V.   6),   von   Schmerzen   (V.   18),   Trauer   (V.   7),   Taubheit   und   Verstummen   (V.   14),   ja   der   gesamte   Leib   sei   krank   (V. 4).   Mit   dem   Schicksal   Hiobs   verbindet   sich   das   Problem   der   Sünde,   das   in   diesem   Psalm   ebenfalls   angesprochen wird   (V.4-5.19).   Wie   hängt   beides   zusammen,   Krankheit   und   Sünde?   Kann,   soll,   darf   es   da   überhaupt   einen Zusammenhang   geben?   Einige   Bibelausleger   sind   der   Meinung,   die   in   diesem   Gebet   genannten   Schmerzen   seien nur   symbolisch   zu   verstehen.   Die   Beterin   leide   nicht   an   einer   Krankheit,   sondern   an   ihrer   Schuld.   Folglich   gehe   es in dem Psalm nicht um Heilung im wörtlichen Sinn, sondern um Vergebung.  Dabei   ging   man   im Alten   Israel   grundsätzlich   davon   aus,   dass   Krankheit   ein   Symptom   von   Sünde   sei. Aus   heutiger Sicht   erscheint   dies   freilich   zu   einseitig. Aber   das   Thema   Schuld   ist   eine   (mögliche) Antwort   auf   die   Frage,   die   sich jeder   Kranke   –   auch   im   21.   Jahrhundert   –   unweigerlich   stellt:   „Warum?   Warum   ich?   Wer   hat   Schuld?   Ich   selbst oder   jemand   anderes?“   Um   genau   diese   Fragen   geht   es   in   Psalm   38   (wie   im   Hiobbuch).      Die   gut   gemeinte   Haltung –   die   Frage   nach   der   Schuld   auszuklammern   –   kann   fatale   Folgen   haben:   Wer   krank   und   elend   ist,   bleibt   mit existentiellen   Fragen   allein.   Angehörige   und   Freunde   schweigen   sich   aus,   haben   Angst,   fühlen   sich   „überfordert“, wollen   sich   selber   „schützen“.   Genau   der   Effekt,   über   den   der   Beter   in   Ps   38   klagt   (V.   12).   Wenn   niemand   bereit ist,   sich   auf   die   Geschichte   eines   betroffenen   Menschen   einzulassen,   bleibt   für   ihn   oft   nur   eine   Schlussfolgerung: „Ich bin schuld“ (V 4). Und wenn er sich irrt?  Warum   wird   man   krank?   Auf   diese   Frage   gibt   es   meist   keine   eindeutige   Antwort,   aber   ein   hilfreiches   Mittel: Zuhören.   Darum   setzt   die   Beterin   ihre   ganze   Hoffnung   auf   Gott,   der   das   Verborgene   sieht   (siehe   Matthäus   6,6). „Herr,   all   mein   Sehnen   liegt   offen   vor   dir,   mein   Seufzen   war   dir   nicht   verborgen“   (V.   10).   Gott   möge   einstehen, beistehen   und   erretten   (V.   23). An   Leib,   Seele   und   Geist.   Gut,   wenn   Kranke   in   ihrer   äußeren   und   inneren   Not   nicht allein bleiben, sondern gemeinsam mit anderen Menschen ihre Sehnsucht vor Gott zum Ausdruck bringen.  Autor: Prof. Dr. Dirk Sager  
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Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.  (Psalm 38, 10)  Dieses   Stoßgebet   könnte   auch   von   Hiob   stammen.   Psalm   38   nämlich,   in den    dieser    Satz    eingebettet    ist,    nennt    sämtliche    körperlichen    und seelischen   Leiden,   die   man   sich   vorstellen   kann:   Von   eiternden   Wunden ist   die   Rede   (V.   6),   von   Schmerzen   (V.   18),   Trauer   (V.   7),   Taubheit   und Verstummen   (V.   14),   ja   der   gesamte   Leib   sei   krank   (V.   4).   Mit   dem Schicksal   Hiobs   verbindet   sich   das   Problem   der   Sünde,   das   in   diesem Psalm    ebenfalls    angesprochen    wird    (V.4-5.19).    Wie    hängt    beides zusammen,   Krankheit   und   Sünde?   Kann,   soll,   darf   es   da   überhaupt einen   Zusammenhang   geben?   Einige   Bibelausleger   sind   der   Meinung, die   in   diesem   Gebet   genannten   Schmerzen   seien   nur   symbolisch   zu verstehen.   Die   Beterin   leide   nicht   an   einer   Krankheit,   sondern   an   ihrer Schuld.   Folglich   gehe   es   in   dem   Psalm   nicht   um   Heilung   im   wörtlichen Sinn, sondern um Vergebung.  Dabei   ging   man   im Alten   Israel   grundsätzlich   davon   aus,   dass   Krankheit ein   Symptom   von   Sünde   sei. Aus   heutiger   Sicht   erscheint   dies   freilich   zu einseitig.   Aber   das   Thema   Schuld   ist   eine   (mögliche)   Antwort   auf   die Frage,   die   sich   jeder   Kranke   –   auch   im   21.   Jahrhundert   –   unweigerlich stellt:   „Warum?   Warum   ich?   Wer   hat   Schuld?   Ich   selbst   oder   jemand anderes?“    Um    genau    diese    Fragen    geht    es    in    Psalm    38    (wie    im Hiobbuch).      Die   gut   gemeinte   Haltung   –   die   Frage   nach   der   Schuld auszuklammern   –   kann   fatale   Folgen   haben:   Wer   krank   und   elend   ist, bleibt     mit     existentiellen     Fragen     allein.     Angehörige     und     Freunde schweigen   sich   aus,   haben   Angst,   fühlen   sich   „überfordert“,   wollen   sich selber   „schützen“.   Genau   der   Effekt,   über   den   der   Beter   in   Ps   38   klagt (V.    12).    Wenn    niemand    bereit    ist,    sich    auf    die    Geschichte    eines betroffenen     Menschen     einzulassen,     bleibt     für     ihn     oft     nur     eine Schlussfolgerung: „Ich bin schuld“ (V 4). Und wenn er sich irrt?  Warum   wird   man   krank?   Auf   diese   Frage   gibt   es   meist   keine   eindeutige Antwort,   aber   ein   hilfreiches   Mittel:   Zuhören.   Darum   setzt   die   Beterin ihre   ganze   Hoffnung   auf   Gott,   der   das   Verborgene   sieht   (siehe   Matthäus 6,6).   „Herr,   all   mein   Sehnen   liegt   offen   vor   dir,   mein   Seufzen   war   dir   nicht verborgen“   (V.   10).   Gott   möge   einstehen,   beistehen   und   erretten   (V.   23). An    Leib,    Seele    und    Geist.    Gut,    wenn    Kranke    in    ihrer    äußeren    und inneren    Not    nicht    allein    bleiben,    sondern    gemeinsam    mit    anderen Menschen ihre Sehnsucht vor Gott zum Ausdruck bringen.  Autor: Prof. Dr. Dirk Sager  
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