Da weinte Jesus                     Johannes 11, 35    Warum    weint    Jesus?    Das    ist    eine    berechtigte    Frage,    denn    dass    Jesus    Tränen    zeigt,    wird    in    den Evangelien   lediglich   zwei   Mal   berichtet.   Die   emotionale   Reaktion   des   „eingebornen   Sohns“   (Joh   1,14)   ist hier in eine sonderbare Szene eingebettet. Lazarus, der Bruder von Maria und Martha, ist verstorben. Den beiden   Frauen   wusste   Jesus   sich   verbunden;   in   ihrem   Haus   war   er   zu   Gast   gewesen.   Von   Lazarus   heißt es sogar, dass Jesus ihn lieb gehabt habe (11,3). Jesus   wusste,   dass   Lazarus   krank   ist   und   geht   aber   trotzdem   nicht   zu   ihm.   Vier   Tage   nach   seinem   Tod trifft   er   dann   ein.   Maria   fällt   vor   ihm   auf   die   Knie   und   sagt,   das   wäre   nicht   passiert,   wenn   Jesus   hier gewesen wäre. Sie und die Menschen drumherum weinen. Weint   Jesus,   weil   er   vom Tod   des   Freundes   überwältigt   wird?   Oder   weil   er   von   der Traurigkeit   der   anderen ergriffen   ist?   Oder   weil   er   erkennt,   dass   er   zu   spät   gekommen   ist?   Keine   dieser   Fragen   führt   in   die   richtige Richtung.   Dem   Kontext   können   wir   entnehmen,   dass   Jesus   auf   besondere   Weise   von   Lazarus‘   Tod wusste   (11,14).   Und   es   scheinen   auch   andere   Emotionen   im   Spiel   zu   sein   als   nur   Ergriffenheit   und Traurigkeit.   Seinen   Tränen   geht   voraus,   dass   er   im   Geist   ergrimmte   und   erbebte   (11,34).   Warum   Jesus weint – schwer zu sagen. In    der    systemischen    Therapie    wird    die    „Warum-Frage“    durch    die    Frage    nach    der    Bedeutung    von Äußerungen   ersetzt.   Nicht   die   inneren   Gründe,   die   meist   verborgen   bleiben,   stehen   im   Vordergrund, sondern die Bedeutung einer Reaktion für Andere, für das System, in dem ein Mensch sich befindet. Also, was   bedeuten   die   Tränen   Jesu   für   Maria,   für   die   umstehenden   Menschen,   für   seine   Jünger?   Vermutlich sehr    Unterschiedliches.    Maria    könnte    sie    als    echtes    Mitgefühl    deuten.    So    verstehen    es    auch    die umstehenden Menschen: „Schaut,   so   lieb   hat   er   ihn   gehabt,   er   weint   sogar.“   (11,36)   Andere   deuten   sie   als   Hilflosigkeit;   die   Jünger vielleicht   als   Wut   über   den   Verlust. Alles   möglich. Alles   auch   typisch   für   menschliche   Systeme.   Ich   glaube die   entscheidende   Frage   lautet:   Was   bedeuten   die   Tränen   Jesu   für   den   Tod   und   für   Lazarus?   Wer   weiter liest, bekommt eine deutliche Antwort: Für   den   Tod   bedeuten   die   Tränen   das   Ende;   für   Lazarus   das   Leben.   Jesu   Tränen   sprengen   das   vertraute System   einer   begrenzten   Welt.   den   salzigen   Wassertropfen,   die   aus   seinen   Augenwinkeln   kullern,   bricht sich   das   Licht   der   schöpferischen   Kraft   Gottes.   In   Jesus   steigt   die   Auferstehungskraft   auf,   die   die   ganze Schöpfung   verwandeln   wird.   Die   Tränen   sind   nicht   so   sehr   ein   Ausdruck   für   das,   was   in   Jesus   los   ist, sondern   Zeichen   dafür,   wie   er   diesen   Kosmos   von   innen   verändert.   Sie   bedeuten   also   Zuversicht   und Hoffnung angesichts von Endgültigkeit und Tod. Was für schöne Tränen! Autor: Prof. Oliver Pilnei
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      Da weinte Jesus                     Johannes 11, 35    Warum   weint   Jesus?   Das   ist   eine   berechtigte   Frage,   denn dass   Jesus   Tränen   zeigt,   wird   in   den   Evangelien   lediglich zwei      Mal      berichtet.      Die      emotionale      Reaktion      des „eingebornen   Sohns“   (Joh   1,14)   ist   hier   in   eine   sonderbare Szene    eingebettet.    Lazarus,    der    Bruder    von    Maria    und Martha, ist verstorben. Den beiden   Frauen   wusste   Jesus   sich   verbunden;   in   ihrem   Haus war   er   zu   Gast   gewesen.   Von   Lazarus   heißt   es   sogar,   dass Jesus ihn lieb gehabt habe (11,3). Jesus   wusste,   dass   Lazarus   krank   ist   und   geht   aber   trotzdem nicht   zu   ihm.   Vier   Tage   nach   seinem   Tod   trifft   er   dann   ein. Maria   fällt   vor   ihm   auf   die   Knie   und   sagt,   das   wäre   nicht passiert,    wenn    Jesus    hier    gewesen    wäre.    Sie    und    die Menschen drumherum weinen. Weint   Jesus,   weil   er   vom   Tod   des   Freundes   überwältigt   wird? Oder   weil   er   von   der   Traurigkeit   der   anderen   ergriffen   ist? Oder   weil   er   erkennt,   dass   er   zu   spät   gekommen   ist?   Keine dieser   Fragen   führt   in   die   richtige   Richtung.   Dem   Kontext können   wir   entnehmen,   dass   Jesus   auf   besondere   Weise   von Lazarus‘   Tod   wusste   (11,14).   Und   es   scheinen   auch   andere Emotionen    im    Spiel    zu    sein    als    nur    Ergriffenheit    und Traurigkeit.    Seinen   Tränen    geht    voraus,    dass    er    im    Geist ergrimmte   und   erbebte   (11,34).   Warum   Jesus   weint   –   schwer zu sagen. In   der   systemischen   Therapie   wird   die   „Warum-Frage“   durch die   Frage   nach   der   Bedeutung   von   Äußerungen   ersetzt.   Nicht die   inneren   Gründe,   die   meist   verborgen   bleiben,   stehen   im Vordergrund,    sondern    die    Bedeutung    einer    Reaktion    für Andere,   für   das   System,   in   dem   ein   Mensch   sich   befindet. Also, was     bedeuten     die     Tränen     Jesu     für     Maria,     für     die umstehenden   Menschen,   für   seine   Jünger?   Vermutlich   sehr Unterschiedliches.    Maria    könnte    sie    als    echtes    Mitgefühl deuten. So verstehen es auch die umstehenden Menschen: „Schaut,   so   lieb   hat   er   ihn   gehabt,   er   weint   sogar.“   (11,36) Andere   deuten   sie   als   Hilflosigkeit;   die   Jünger   vielleicht   als Wut   über   den   Verlust.   Alles   möglich.   Alles   auch   typisch   für menschliche   Systeme.   Ich   glaube   die   entscheidende   Frage lautet:   Was   bedeuten   die   Tränen   Jesu   für   den   Tod   und   für Lazarus? Wer weiter liest, bekommt eine deutliche Antwort: Für   den   Tod   bedeuten   die   Tränen   das   Ende;   für   Lazarus   das Leben.   Jesu   Tränen   sprengen   das   vertraute   System   einer begrenzten   Welt.   den   salzigen   Wassertropfen,   die   aus   seinen Augenwinkeln       kullern,       bricht       sich       das       Licht       der schöpferischen      Kraft      Gottes.      In      Jesus      steigt      die Auferstehungskraft   auf,   die   die   ganze   Schöpfung   verwandeln wird.   Die   Tränen   sind   nicht   so   sehr   ein Ausdruck   für   das,   was in    Jesus    los    ist,    sondern    Zeichen    dafür,    wie    er    diesen Kosmos   von   innen   verändert.   Sie   bedeuten   also   Zuversicht und   Hoffnung   angesichts   von   Endgültigkeit   und   Tod.   Was   für schöne Tränen! Autor: Prof. Oliver Pilnei
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